Chemnitzer Stolpersteine

Ein bekannter Chemnitzer, weit über die Grenzen seiner Stadt bekannt

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Justin Sonder (*1925)

Ein bekannter Chemnitzer, weit über die Grenzen seiner Stadt hinaus. Dies nicht ohne Grund.

Justin Sonder ist ein gefragter Gesprächspartner. Schulen, Lehrerkollegien, Vereine und seine Freunde laden ihn ein. Er ist wenn nicht überhaupt der letzte, doch zumindest der letzte Chemnitzer Bürger, der das Vernichtungslager Auschwitz überlebte, in seine Heimat zurückkehrte und bis heute in Chemnitz lebt. Sein Terminkalender weißt kaum Lücken auf. Fast täglich, oft zweimal, besucht er eine Schule, in Chemnitz, in Döbeln, in Annaberg oder Hoyerswerda. „Mit siebzehn an der Rampe von Auschwitz.“ – so der Tenor seines Vortrages. Doch bevor er nach dem Osten deportiert wurde wuchs er vorerst wie alle Chemnitzer Kinder auf. Erlebte die Zeit von Weimar und den Beginn des deutschen Faschismus. Er hat Kenntnis von Verfolgung und Widerstand, erlebte die Gettoisierung in Chemnitz in den sog. Judenhäusern, den Abtransport seiner Eltern. Zwangsarbeit und Hilfsarbeit bei den Deportationen aus Chemnitz folgten.

Widersetzen war kaum möglich, ziviler Ungehorsam war für Justin fast Pflicht. Er entfernte nach Kriegsausbruch Propagandaplakate der Nazis und konnte heimlich den Kontakt zu Menschen halten, die ihn nicht vergessen hatten und ihrerseits zivilen Ungehorsam leisteten.

In Auschwitz gehörte Justin Sonder als jüngstes Mitglied zum organisierten Lagerwiderstand und beteiligte sich an Sabotageakten. Über jeden Tag im Lager könnte er wohl einen Roman schreiben.

Nach dem Todesmarsch, landete er im Bayrischen Lager Flossenbürg, ein berüchtigtes KZ, tot durch Arbeit war hier die Methode der Vernichtung. Auch hier zeigte er Mut und setzte sich nach Möglichkeiten auch für seine Kameraden ein.

Nach der Befreiung durch die US Army, kehrte er nach Chemnitz zurück. Die Mutter war von den Nazis ermordet, der Vater starb bald an den Folgen der Haft und Entkräftung.

Justin Sonder wirkte sofort am Wiederaufbau der schwer zerstörten Heimat mit. Wurde Mitglied in der SPD. Die erste Enttrümmerung in Chemnitz wurde durch die Zurückgekehrten Verfolgten des Naziregimes und Kämpfer gegen den Faschismus geleistet.

Seinem Wunsch nach einem Beruf bei der Polizei wurde auf Grund des Alters lange nicht stattgegeben, doch Beharrlichkeit führte zum Ziel. Er wurde Polizist und war an der Aufklärung zahlreicher Verbrechen, Morden als Kriminalist und auch als Zeuge in Prozessen gegen einstige Nazis beteiligt.

Sein Engagement galt aber auch seinen Leidensgefährten, so setzte er sich für die Anerkennung von Kameraden als Opfer des Faschismus ein, wenn dies nicht opportun erschien oder wenn sie auf Grund aktueller Konflikte Gefahr liefen, ihren anerkannten Status zu verlieren. Die Anerkennung als OdF bedeutete für viele eine tatsächliche und dringend notwendige Lebenshilfe und war auch eine moralische Stütze.

Sein gesamtes bisheriges Leben lang wirkte er im Sinne der Erinnerung an die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, damit es sich nicht wiederhole.

Nach dem politischen Umbruch war er gefragter denn je. Neu erstarkende Strukturen der Neonazis und ihr wirken forderten, dass die demokratischen Kräfte der Gesellschaft sich diesem Problem stellten, somit begann sein Weg als „Zeitzeuge“. Auch Drohungen gegen ihn und seine Familie schrecken ihn nicht.

Er begleitete die zahllosen Projektfahrten nach Auschwitz und an andere historische Orte der Verfolgung in der NS Zeit, ohne lange selbst nach dem Ort seines Leidens zurück zu kehren. Dazu lud ihn der Bundespräsident Christian Wulf persönlich und Justin Sonder ließ sich darauf ein. Er war der einzige Überlebende der deutschen Delegation, die erstmals mit dem Staatsoberhaupt am Gedenken teil nahm, der tatsächlich in Deutschland geboren wurde und während der NS Zeit hier lebte.

Die Stadt Chemnitz würdigte ihn mit der Eintragung in das „Goldene Buch“ der Stadt und er erhielt den Chemnitzer Friedenspreis, er ist Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Sachsen.

Aktuell sind Winterferien und es gibt keine Termine an Schulen, dafür sind die Interessierten nun bei ihm, um Projekte und neue Ideen mit ihm zu besprechen, denn er ist eben auch einer der letzten Zeugen für die Zeit in Chemnitz vor 80 Jahren, der sich haargenau erinnern kann und so viel selbst erlebte und erdulden musste.

3. Februar 2013, Enrico Hilbert